Süddeutsche Zeitung, München, May 20, 2003, p. 13.
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Genesis im Puderfass
Die „Biokunst“ zerteilt das Leben und feiert die Mutationen


Indem Künstler Kaninchen zum Leuchten bringen, Flügel aus Schweinezellen
züchten oder halblebendige Steaks aus Froschgewebe herstellen, überschreiten sie
jene Grenze, die üblicherweise nur Wissenschaftler mit einem gesellschaftlich
legitimierten Auftrag übertreten. Der direkte Eingriff in das Erbgut von lebendigen
Organismen im ästhetischen Kontext fordert jedes soziale System heraus.
Schockierend an künstlich hergestellten lebenden Artefakten ist einerseits die
Gewissheit, dass alles Lebendige manipulierbar ist. Andererseits beunruhigt die
Sorge, dass eine künstlerische Erschaffung neuer Lebewesen ins Apokalyptische
mutiert oder missbraucht werden könnte.


Die Ausstellung „L’Art Biotech“ im französischen Nantes und das Osnabrücker
„European Media Art Festival“ (Emaf) zeigten nun in weitgehender
Zusammenarbeit aktuelle Werke der wachsenden Szene von Biokünstlern sowie
Projekte, die sich kritisch mit den Errungenschaften der Biowissenschaften
auseinander setzen. Parallel widmete sich eine internationale Tagung den ethischen
Aspekten der Biokunst.


Erbgut-Informationen als Kommunikationsinstrument benutzen die US- Künstler
Eduardo Kac (Art Institute, Chicago) und Joe Davis (Massachusetts Institute of
Technology, Cambridge). Kac hat dazu 1999 einen Ausschnitt der
Schöpfungsgeschichte in DNA-Codes übersetzt und transgenen Bakterien
eingepflanzt. Dabei wird für jeden Buchstaben des Alphabets eine spezifische
Anordnung der genetischen Bestandteile festgelegt. Diese Bakterien mit ihren
codierten Ausschnitten aus dem 1. Buch Mose im alten Testament wurden unter
UV- Licht Mutationen ausgesetzt. In Nantes präsentierte Kac seine „Transcription
Jewellery“. Dort schloss er die veränderten Genesis-Bakterien, welche in ihrer
Codierung und durch Einwirkung von UV-Strahlen unzählige Mutationen der
Schöpfungsgeschichte repräsentieren, als DNA-Puder in eine Reliquien-Phiole ein
und verzierte diese mit einem Protein-Nachbau aus massivem Gold. „Genetik ist
Kommunikation“, sagt er. Ohne Kontext, ohne die Kommunikation zwischen einem
lebenden Organismus und den genetischen Informationen seien DNA-Muster
bedeutungslos, so der gebürtige Brasilianer Kac. Davis präsentierte seine so
genannte „DNAgraphy“: mit Hilfe von DNA-Strängen erzeugt er mikroskopisch
kleine Bildkopien des weiblichen Geschlechtsorgans und reproduziert diese beliebig
oft.


Beklemmender erscheinen makrobiologische Kunstwerke, wie etwa die
halblebenden Steaks aus Froschgewebe der australischen Laborgemeinschaft
SymbioticA. Oron Catts, Ionat Zurr und Guy Ben-Ary haben für die Ausstellung in
Nantes halblebende Skulpturen in Steakform kreiert ? wachsende Gewebekulturen,
die im Rahmen einer Biopsie einem Frosch entnommen und öffentlich gebraten und
verspeist wurden. Ein weiteres Projekt von SymbioticA ist die Aufzucht von kleinen
zuckenden Flügeln aus Schweine-Stammzellen.


Eine neue Lebensrealität schafft auch Kac, indem er leuchtende Tiere züchtet. Seine
bei Schwarzlicht floureszierenden Mäuse, Fische und Kaninchen wurden mit einem
Quallen-Gen in ihren Erbinformationen verändert. „Wir müssen endlich begreifen,
dass genetisch veränderte Tiere keine Monster sind“, fordert er. Transgene
Lebensformen seien in Nahrung und Kleidung allgegenwärtig.


Neben der Präsentation von Erbgut als Kommunikationscode und der Kreation
veränderter Lebewesen in Nantes wurden in Osnabrück aktuelle Arbeiten gezeigt,
welche die Biowissenschaften im ästhetischen und kritisch- reflektorischen Diskurs
thematisieren. In ihrem Film „Teknolust“ führt die Amerikanerin Lynn Hershman
Leeson eine Biowissenschaftlerin mit ihren drei Klonen durch ein Leben, in dem es
den Akteuren zunehmend schwerer fällt, wirkliche und künstliche Realitäten zu
trennen.


Als fiktives Start-up-Unternehmen mit dem Namen „Bioteknica“ präsentieren sich
die Professoren Shawn Bailey und Jennifer Willet von der Concordia University,
Studio Arts in Montreal mit ihrem Multimedia-Projekt. Das Unternehmen hat
vermeintlich eine Software entwickelt, die menschliche Organe designen kann.
Dabei mutieren die Objekte zu krebsartigen Geschwüren mitsamt Haaren, Haut und
Nägeln. Schade nur, dass die vollmundigen Ankündigungen bei der Präsentation
verpuffen. So vielversprechend ihre Idee ist, die Umsetzung bleibt in den Anfängen
stecken. Mit lediglich ein paar Beispielbildern und einem informationsarmen
Hochglanz-Booklet verspielen die Kunstwissenschaftler viel von der starken Kraft
ihrer Idee.


Leuchtende Tiere


Eine beachtliche Arbeit legt der Niederländer Jan van Nuenen vor. Sein
computeranimierter Kurzfilm „Optimizer Customizer“ ist eine Persiflage auf den
genetischen Eingriff ins Leben. Optisch angelehnt an Monty Python, Jules Verne
und die frühen Trailer des Musik-Fernsehens setzt sich aus Maschinen- und
Körperfragmenten im Unterleib einer Frau, der als technisches Labor dargestellt
wird, Verschiedenes zusammen. Zunächst entstehen nützliche Dinge wie
Nahrungsmittel, später entartete Wesen, die mehr und mehr ihr Labor zerstören.
Schließlich entstehen Menschen und Kriegsmaschinen, die das, wodurch sie
geschaffen wurden, und selbst die „Hand Gottes“ vernichten. Charmant erzählt van
Nuenen eine zart anmutende Geschichte mit witzigen Elementen, ohne dabei
Tiefgang, treffende Symbolik und eine boshafte Kritik an genetischen Experimenten
aus den Augen zu verlieren.


Den Veranstaltern beider Ausstellungen gelang eine Bündelung der relevanten
aktuellen Projekte im jungen Schnittstellen-Bereich zwischen Kunst und
Biowissenschaften. Dabei überzeugt besonders, dass „L’Art Biotech“ und „Emaf“
nicht auf Schock-Effekte zielen, sondern sich sensibel und offen der
gesellschaftlichen Brisanz ihrer Werke stellen. Insbesondere die Präsentation
reflexiv-kritischer Arbeiten beweist diese Fähigkeit.


Wenn Biokunst das soziale Bewusstsein für die ethischen Grenzen der biologischen
Forschung und für das Durchdrungensein des Lebens mit genetisch verändertem
Material schärfen könnte, hätte sie eine große Leistung vollbracht. Biokunst muss
indes zum Schutz vor ihrer Entartung an gesellschaftliche Werte angebunden sein.
Jede ästhetische Zweckentfremdung der Forschung birgt schwer zu kontrollierende
Risiken. Wenn Lebensformen ohne gesellschaftliche Legitimation verändert werden,
fällt die Ehrfurcht vor der gegebenen Natur des Lebens.


BURKHARD REITZ


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