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FTE info logoMagazin fłr die europĒische Forschung Sonderausgabe - März 2004 

























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INHALT
EDITORIAL
Die Wissenschaft und die Welt, die Kunst und ich
Das Rätsel der Knoten
Von der Schönheit der Mathematik
Der Forschung Kern
Intuitionen und Phantastereien
Wissenschaft im Spiegel der Fiktion
Im Spiegel der Filmkunst
Gedankenaustausch jenseits der Fachgrenzen
Die Paradoxe der Wahrnehmung
Einstellung, Gegeneinstellung
Die Musen im digitalen Zeitalter
Europa, seine Forscher und das Erbe
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BIOTECH-ART
Title Die Geheimnisse einer mutierten Kunst

Biotech-Art, transgene Kreation, Hautkulturen, Pflanzenselektion ­ ihre Ateliers sind Labors, ihre Werkstoffe Zellen, DNA-Moleküle, lebendes Gewebe. Wissenschaftler gewähren diesen Schöpfern undefinierbarer Objekte, die sowohl ethische als auch ästhetische Konzepte in Frage stellen, Zugang zu ihrem Reich. Ein kurzer Blick auf diese Art der Begegnung zwischen —Kunst und Wissenschaftž.


Kunst oder Wissenschaft? Teils in den kulturellen, teils in den wissenschaftlichen Seiten (wie hier) setzen sich die Journalisten mit dem Leucht-Kaninchen Alba von Eduardo Kac auseinander, der den Begriff —Biotech-Kunstž in die ųffentlichkeit gebracht hat.
Kunst oder Wissenschaft? Teils in den kulturellen, teils in den wissenschaftlichen Seiten (wie hier) setzen sich die Journalisten mit dem Leucht-Kaninchen Alba von Eduardo Kac auseinander, der den Begriff —Biotech-Kunstž in die Öffentlichkeit gebracht hat.
Alba ist ein Albino-Kaninchen, das unter UV-Licht grün leuchtet. Es wurde in einem Labor des Inra in Jouy-en-Josas (FR) geboren und bekam ein aus einer leuchtenden Quelle gewonnenes Gen verpasst, das für die Synthese eines grün fluoreszierenden Proteins verantwortlich ist. Solche transgenen Tiere sind für die Forscher nichts Besonderes, aber diesmal hat Albas —Schöpferž, der amerikanisch-brasilianische Künstler Eduardo Kac, diese Verwandlung auf nie dagewesene Weise ausgenützt. Tatsächlich ist dieses wissenschaftliche Fertigprodukt der Ausgangspunkt eines Gesamtwerks, das sich im Laufe der Zeit entwickelt und alles einbezieht, was seither im Zusammenhang mit diesem Leucht-Kaninchen organisiert, gesagt und geschrieben wurde (Ausstellungen, Äußerungen des Künstlers, Reaktionen von Kritikern und Publikum usw.). Eduardo Kac, Wegbereiter dieses neuen Trends zwischen Kunst und Genetik, bringt die Hauptaspekte dieser Biotech Art und auch die Probleme, die sie aufwirft, auf den Punkt: das Lebende als Kreativ-Werkstoff, die Interaktion mit der Wissenschaft, der Schatten der Biotech-Industrie, der unweigerlich über dem Ganzen schwebt, und nicht zuletzt die ethischen Fragen im Hinblick auf die Manipulation des Lebens. 

Das Lebende als Werkstoff
Die Biokünstler interessieren sich jedoch nicht nur für Genetik oder die DNA. —Die ersten sind in den 1980er Jahren aufgetaucht, und binnen zehn Jahren hat dieser Ansatz ein beachtliches Ausmaß erreicht. Aber unsere Arbeit ist sehr unterschiedlich. Heute werden alle, die den Körper erforschen, neue Blumen züchten oder in ihren Werken organisches Material verwenden, als Biokünstler betrachtetž, erklärt die slowenische Kunstschaffende Polona Tratnik.

All diesen Arbeiten ist gemein, dass sie ausgehend vom lebenden Material selbst ausgeführt werden und nicht über seine Repräsentation, seine bildliche Darstellung oder digitale Simulation. Für Schweine bestimmte Flügel, einzigartige Schmetterlinge, hybride Schwertlilien, genetisch veränderte Bakterien oder tätowierte Hautkulturen sind lauter —lebende Objektež, die in der Regel wenig Aufsehen erregen. Aber rund um diese Objekte entstehen Werke, die zahlreiche Elemente in sich vereinen: Installation, philosophische Reflexion, Performance Art und ­ oftmals ­ auch Provokation. Anstatt die Manipulation von Lebewesen durch den Menschen zu verherrlichen oder in Bausch und Bogen abzulehnen, regen die Künstler uns durch die Inszenierung dieser teils —monströsenž Produktionen dazu an, Wissenschaft und Technik zu hinterfragen und uns auch mit der Zwiespältigkeit unserer eigenen Reaktionen auseinanderzusetzen.

Instrumente aus dem Labor

Alle in diesem Artikel vorgestellten Kłnstler Ů und andere Ů haben an der von Jens Hauser organisierten Ausstellung L'Art Biotech' mitgewirkt, die im Frłhling 2003 in Nantes (Frankreich) stattfand. Eine Debatte zwischen Philosophen, Forschern, Kłnstlern und dem Publikum bot die Gelegenheit, Fragen łber —diese Kunst, die lĒstig fĒllt, die unsere üngste und Widersprłche sichtbar machtž, zu erĖrtern.http://www.lelieuunique.com

Alle in diesem Artikel vorgestellten Künstler ­ und andere ­ haben an der von Jens Hauser organisierten Ausstellung L'Art Biotech ' mitgewirkt, die im Frühling 2003 in Nantes (Frankreich) stattfand. Eine Debatte zwischen Philosophen, Forschern, Künstlern und dem Publikum bot die Gelegenheit, Fragen über —diese Kunst, die lästig fällt, die unsere Ängste und Widersprüche sichtbar machtž, zu erörtern.
www.lelieuunique.com
 

Um auf diese Weise arbeiten zu können, müssen sie die Instrumente und Methoden von Biologen benutzen und diese folglich zunächst kennenlernen. Diese Zusammenarbeiten nehmen ganz unterschiedliche Formen an. Manche Künstler machen sich zum —Versuchskaninchenž, wie das französische Duo Art Orienté Objet (AOO), während andere, nach dem Beispiel der Portugiesin Marta de Menezes, verschiedene Techniken einsetzen und sie ihren eigenen Zwecken unterwerfen. An der Universität von Westaustralien (Perth) hat die Gruppe Symbiotica ein Labor eingerichtet, dass den gleichen Regeln unterliegt wie die benachbarten Forschungseinheiten ­ was insbesondere auch die Prüfung der Projekte durch einen Ethikausschuss der Hochschule umfasst. Symbiotica beschäftigt sich mit der Reparatur des Körpers, der Kultur von Organen oder der industriellen Aufzucht. Die Gruppe schafft so genannte —halb lebendež Gebilde, indem sie an Ausstellungsorten echte Minilabors für Zellkultur installiert. Ganz anders geht der Pflanzenzauberer Georges Gessert vor, der geduldig und in aller Abgeschiedenheit tätig ist: —Ich arbeite so gut wie nie mit Forschern zusammen ­ eigentlich mit niemandem außer mit den Pflanzen.ž 

Die Wissenschaftler, von den Ansinnen der Künstler zunächst überrascht, erinnern sich oft gern an diese Erfahrung. —Die Zusammenarbeit mit einem Künstler verbessert die wissenschaftlichen Kenntnisse der Öffentlichkeit. Aber ich wüsste andererseits nicht, wie ich es rechtfertigen sollte, meine Zeit und die mir gewährten Mittel ausschließlich zu künstlerischen Zwecken zu verwendenž, bemerkt Ana Pombo vom Zentrum für klinische Wissenschaften des Imperial College (London), die mit Marta de Menezes gearbeitet hat.

Die Kunst demaskiert auf diese Weise die Wissenschaft, aber ihre Kreationen lösen selbst etliche Kontroversen aus. —Es ist nicht einzusehen, warum es Künstlern gestattet sein sollte, Experimente vorzunehmen, die den Wissenschaftlern untersagt oder zumindest streng überwacht werdenž, meint der Philosoph Yves Michaud (1). Diese leicht überspitzte Formulierung ­ schließlich unterliegen auch die Künstler den geltenden Gesetzen und lassen die gleiche Vorsicht walten ­ führt zu einer oft gestellten Frage: Hat man das Recht, für nicht wissenschaftliche Zwecke Lebewesen zu manipulieren? Auch sozioökonomische Überlegungen kommen ins Spiel: Agieren diese Künstler womöglich insgeheim als Sprachrohr der biotechnologischen Industrie? —Wissenschaftler arbeiten mit Lebewesen, Kinder spielen mit ihnen, Geschäftsleute kaufen und verkaufen sie, wir essen sie und die Politiker entscheiden über das Schicksal ganzer Gattungen. Warum sollten die Künstler nicht auch mit dem Lebenden arbeiten?ž, erwidert Georges Gessert. Dennoch gibt Gessert (der ausschließlich an Pflanzen arbeitet) unumwunden zu, dass gewisse Manipulationen ethische Fragen aufwerfen. Was die angedeutete Beziehung mit der Industrie betrifft, meint er: —Wenn die Gefahr besteht, dass die Industrie die Künstler für ihre Zwecke einspannt, dann sollte man dieses Risiko auf sich nehmen. Die Alternative wäre ein erzwungenes Schweigen, das lediglich den käuflichsten Wissenschaftlern und den cleversten Geschäftsleuten zugute käme.ž

Alba, das eingangs erwähnte Leucht-Kaninchen von Eduardo Kac, wurde ironischerweise sowohl als —Akt des Widerstandsž wie auch als —Zusammenarbeit mit der biotechnologischen Industriež beschrieben. Vielleicht ist Alba selbst ein Symbol des Zwiespalts?

(1) Arts et biotechnologies, im Katalog der Ausstellung lŪArt biotech, le lieu unique, Nantes (FR), im März-April 2003.

 

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  MEHR EINZELHEITEN  
  Marta de Menezes: poetische Kunstgriffe

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  George Gessert: Natur und Einsamkeit

—Zu Beginn der 1980er Jahre interessierte ich mich für Muster, die sich selbst organisieren, wie zum Beispiel die Verteilung von Tinte in ungestrichenem Papier. Die Arbeit mit lebenden Organismen, die sich in hohem Maße selbst organisieren, ... 

 
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—Mich hat der Wunsch, eine gewisse Präsenz eines Wesens einzufangen, zur Bio-Art gebrachtž, schreibt die slowenische Malerin Polona Tratnik in der Einführung zu ihrer Installation 37°C: drei —Aquarienž, jedes von ... 

 
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    Marta de Menezes: poetische Kunstgriffe

    —Ich habe angefangen, mich gründlicher mit Biologie zu befassen, als mir klar wurde, dass ich mit dieser Materie kaum vertraut war. Gerade in dieser Zeit wurden wichtige Entscheidungen in Bezug auf transgene Lebensmittel, genetische Manipulationen oder den Gebrauch von Stammzellen getroffen. Ich habe beschlossen, mich zum Lernen in die Forschung zu stürzen, und dabei habe ich ganz außergewöhnliche Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks entdeckt.ž Auf diesem Weg ist die aus Lissabon gebürtige Malerin Marta de Menezes zum Labor für Evolutionsbiologie der Universität Leyden (Niederlande) gestoßen, wo Forscherteams unter Leitung von Professor Paul Brakefield an Schmetterlingen arbeiten. Aus dieser Zusammenarbeit ist Nature? hervorgegangen. Marta veränderte die Zeichnungen auf einem der Flügel, indem sie an ganz bestimmten Stellen in die Puppe stach. Die Schmetterlinge, die im Anschluss an diese Behandlung das Licht der Welt erblickten, hatten einen durch menschliches Einwirken veränderten Flügel, während der andere seine natürlichen Muster behielt. Diese Werke, die ohne genetische Manipulation entstanden und daher nicht übertragbar sind, waren absichtlich auf Vergänglichkeit angelegt.
     

    Nature? Ů Schmetterling mit verĒnderten Flłgeln, entwickelt an der UniversitĒt von Leiden (NL). —Mir ging es vor allem darum, Kunstwerke zu schĖpfen, die Kunst und Leben in sich vereinen, und dazu habe ich mir die MĖglichkeiten der Biologie als neues Medium der kłnstlerischen Kreation zunutze gemacht.ž
    Nature? ­ Schmetterling mit veränderten Flügeln, entwickelt an der Universität von Leiden (NL). —Mir ging es vor allem darum, Kunstwerke zu schöpfen, die Kunst und Leben in sich vereinen, und dazu habe ich mir die Möglichkeiten der Biologie als neues Medium der künstlerischen Kreation zunutze gemacht.ž
    Nach der Herstellung von —DNA-Gemäldenž (Nucleart) in einem britischen Labor kommt die portugiesische Künstlerin 2002 zur Universität Oxford, wo sie von Dr. Patricia Figueiredo empfangen wird. Dort arbeitet sie mit funktioneller Magnetresonanz-Bildgebung, mit deren Hilfe sich die Gehirntätigkeit darstellen lässt ­ so entstehen Porträts (Functional portraits) einer Pianistin, die gerade Klavier spielt, oder von ihr selbst beim Malen. Ein Weg, diese unsichtbare Seite der Modelle zu zeigen, die Maler schon immer zum Ausdruck bringen wollten. 

    Marta de Menezes ist fasziniert von der Unendlichkeit des DNA-Moleküls ­ diesen Milliarden von Nucleotiden, von denen ein verschwindend kleiner Teil ausreicht, um unsere gesamten Geninformationen zu enthalten, während der Rest noch unbekannten Zwecken dient. In ihren Augen handelt es sich um eine Art von Innenwelt. Von da auch die Idee zu ihrer Serie Inner clouds: Indem sie die DNA einer Person in ein Röhrchen gibt, erhält sie eine undurchsichtige, wolkenähnliche Masse, die sie als —innere Wolkež dieser Person betrachtet.

     
    George Gessert: Natur und Einsamkeit

    —Zu Beginn der 1980er Jahre interessierte ich mich für Muster, die sich selbst organisieren, wie zum Beispiel die Verteilung von Tinte in ungestrichenem Papier. Die Arbeit mit lebenden Organismen, die sich in hohem Maße selbst organisieren, war eigentlich nur eine logische Fortsetzung. Und ich bin seit eh und je von Pflanzen fasziniert, ob als ästhetische Objekte oder als Lebewesen.ž
     

    Hommage an Steichen, hybrider Steptocarpus, 1998—Walter Benjamin war der Ansicht, dass in groĢen Serien reproduzierte Kunstwerke ihre Ēsthetische Kraft verlieren. Zierpflanzen beweisen das Gegenteil.ž (G.G.)
    Hommage an Steichen, hybrider Steptocarpus, 1998
    —Walter Benjamin war der Ansicht, dass in großen Serien reproduzierte Kunstwerke ihre ästhetische Kraft verlieren. Zierpflanzen beweisen das Gegenteil.ž (G.G.)
    George Gesserts Biotech-Art hat nur wenig mit Technologie zu tun: Er züchtet, kreuzt und selektiert Blumen. Mit wissenschaftlichen Einrichtungen pflegt er keinerlei Kontakte. Während eines Gartenbaustudiums machte er sich seinerzeit mit Biologie, Chemie und Entomologie vertraut. Das Gärtnern betrachtet er gewissermaßen als eine der schönen Künste und tritt damit in die Fußstapfen des Deutschen Edward Steichen, der 1936 im New Yorker Museum of Modern Art hybride Blumen ausstellte. 

    George Gessert praktiziert jedoch eine Selektion der anderen Art, denn er schafft ganz bewusst Blumen, die auf dem Markt absolut keine Chancen hätten. Eine Art von —umgekehrtem Darwinismusž, mit dem er sich gegen den vorherrschenden Geschmack auflehnt. Wenn er etwas hasst, dann Kitsch...

    Seine Arbeit mag rein ästhetisch scheinen und erhebt auch Anspruch darauf, aber sie beinhaltet auch eine Reflexion über den Tod, die Zeit und die Eugenik. Tatsächlich versäumt es George Gessert nur selten, an den grauenhaften Einsatz der Eugenik während des 20. Jahrhunderts zu erinnern. —Wir können ein Kunstwerk nur dann in all seinen Dimensionen erfassen, wenn es sich der Fragen bewusst ist, die es aufwirftž, betont er.

     
    Polona Tratnik: zweideutige Präsenz

    —Mich hat der Wunsch, eine gewisse Präsenz eines Wesens einzufangen, zur Bio-Art gebrachtž, schreibt die slowenische Malerin Polona Tratnik in der Einführung zu ihrer Installation 37°C: drei —Aquarienž, jedes von einer kleinen Wachs- und Latexstatue bewohnt, die von einer Kultur von Hautzellen (die der Künstlerin zuvor im Zentrum für Zellentypisierung von Ljubljana entnommen wurden) bedeckt ist. 
     

    37É: Kapelika roka, kapelica poglde, kapelica josk
    37°: Kapelika roka, kapelica poglde, kapelica josk
    In einem Aquarium sind die Zellen abgestorben und zersetzen sich; im nächsten sind sie ­ in einem gläsernen Kühlschrank ­ in Ruhestellung. Im dritten herrscht Körpertemperatur, und dort vermehren sie sich. Der Betrachter wird ständig zwischen der gemütlichen Dimension der Installation (vertraute Möbel, warmes Licht) und dem Bewusstsein der Künstlichkeit (wissenschaftliche Vorrichtungen, kalte Werkstoffe) dessen, was da gezeigt wird (und doch lebendig ist), hin und her gerissen. Ein System, das die vom Betrachter erzeugten Töne verstärkt, erinnert ihn an seine eigene Existenz und sorgt für zusätzliche Verwirrung. 

    Schon vor ihrer Arbeit mit Zellkulturen versuchte Polona Tratnik, dieses eigentümliche Gefühl, diese Mischung aus Reiz und Widerwillen hervorzurufen, die man empfindet, wenn man die Haut eines Fremden berührt. Damals benutzte sie Latex, der erste Schritt auf dem Weg zur Laborhaut, zum künstlichen und zugleich lebenden Gewebe. 

    Die Wissenschaft? Sie spannt sie für ihre Zwecke ein, das ist alles. —Diese Gefühle auszulösen, finde ich viel interessanter als Wissenschaftlerin zu werden.ž

     
    Art Orienté Objet: Grenzen und Symbole

    —Hybridationž und —Poesiež sind Schlüsselbegriffe für das aus Marion Laval-Jeantet und Benoît Mangin bestehende Pariser Duo Art Orienté Objet (AOO). —Unsere ganze Arbeit beruht auf der Frage des Bewusstseins des Lebenden und seiner Manipulation durch Wissenschaft und Gesellschaft ž, erklären sie. Und zur Herstellung ihrer seltsamen Kreationen manipulieren sie ­ Logik verpflichtet! ­ nur sich selbst.
     

    Kultur einer Kłnstlerhaut, auf die Lederhaut eines Schweins aufgebracht und dann tĒtowiert. Gezłchtete Menschenhaut ist zu dłnn fłr eine derartige Behandlung.—Wir bringen der Biotechnologie echte Stłcke von uns selbst dar. Aus diesem Grund manipulieren wir nur uns selbst und kein anderes Lebewesen. Diese Position als Versuchskaninchen halten wir im Hinblick auf unsere persĖnliche Ethik fłr entscheidend.ž
    Kultur einer Künstlerhaut, auf die Lederhaut eines Schweins aufgebracht und dann tätowiert. Gezüchtete Menschenhaut ist zu dünn für eine derartige Behandlung.—Wir bringen der Biotechnologie echte Stücke von uns selbst dar. Aus diesem Grund manipulieren wir nur uns selbst und kein anderes Lebewesen. Diese Position als Versuchskaninchen halten wir im Hinblick auf unsere persönliche Ethik für entscheidend.ž
    Für Cultures de peaux dŪartistes (Zucht von Künstlerhäuten) zum Beispiel haben sie sich von einem renommierten amerikanischen Hautproduktionslabor (Versorgung von Verletzten mit Verbrennungen) eine Gewebeprobe ihrer Oberhaut entnehmen lassen. Der Lohn der Mühe: auf Schweinehaut aufgebrachte Hautstücke, die sie mit Tiermotiven ­ meist bedrohte oder zu Versuchszwecken verwendete Tierarten ­ tätowiert haben. Die Haut, Grenze zwischen Außen- und Innenwelt, wird damit zu einem Ort der symbolischen Verbindung und der Hinterfragung der —Artengrenzež. Im Rahmen ihres neuesten Projekts, Que le panda vive en moi (Möge der Panda in mir leben), wollen sie sich ­ zuvor kompatibel gemachtes ­ Pandablut injizieren. 

    Marion Laval-Jeantet, in einer Forscherfamilie geboren und selbst wissenschaftlich ausgebildet, musste —ihre Zugehörigkeit zur Logik der den physikalischen Gesetzen unterliegenden Wirklichkeit mit der zu einer visionären Welt in Einklang bringenž. Das Duo kommt daher häufig mit wissenschaftlichen Teams zusammen, da es auf dem Standpunkt steht, dass es unmöglich ist, die geistigen, sozialen und ökologischen Auswirkungen der Biotechnologie zu erwägen, ohne deren Instrumente zu beherrschen. Und es äußert sich sehr klar und präzise zu seinen Werken.

    —Die Öffentlichkeit ist schockiert, Hybriden unserer Häute zu sehen, aber was sie in Wirklichkeit schockiert, ist nicht so sehr die ­ selbst hybride ­ Aufzucht von Haut als vielmehr die Tatsache, dass man sich bei diesem Anblick unweigerlich vorstellt, welche Welt mit derartigen Techniken einhergehtž, glaubt Marion Laval-Jeantet. —Letzen Endes wird die Kunst lediglich als Auslöser gewirkt haben, und in der Regel ist es nur gut, wenn wir unser Bewusstsein in Bezug auf eine bestimmte Frage erweiternž, fügt sie hinzu.

     
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