BIOTECH-ART
Die
Geheimnisse einer mutierten Kunst
Biotech-Art, transgene Kreation, Hautkulturen, Pflanzenselektion
ihre Ateliers sind Labors, ihre Werkstoffe Zellen, DNA-Moleküle,
lebendes Gewebe. Wissenschaftler gewähren diesen Schöpfern undefinierbarer
Objekte, die sowohl ethische als auch ästhetische Konzepte in Frage
stellen, Zugang zu ihrem Reich. Ein kurzer Blick auf diese Art der Begegnung
zwischen ÑKunst und Wissenschaftì.
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| Kunst oder Wissenschaft?
Teils in den kulturellen, teils in den wissenschaftlichen Seiten (wie hier)
setzen sich die Journalisten mit dem Leucht-Kaninchen Alba von Eduardo
Kac auseinander, der den Begriff ÑBiotech-Kunstì in die Öffentlichkeit
gebracht hat. |
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Alba ist ein Albino-Kaninchen, das unter UV-Licht grün leuchtet. Es
wurde in einem Labor des Inra in Jouy-en-Josas (FR) geboren und bekam ein
aus einer leuchtenden Quelle gewonnenes Gen verpasst, das für die
Synthese eines grün fluoreszierenden Proteins verantwortlich ist.
Solche transgenen Tiere sind für die Forscher nichts Besonderes, aber
diesmal hat Albas ÑSchöpferì, der amerikanisch-brasilianische Künstler
Eduardo Kac, diese Verwandlung auf nie dagewesene Weise ausgenützt.
Tatsächlich ist dieses wissenschaftliche Fertigprodukt der
Ausgangspunkt eines Gesamtwerks, das sich im Laufe der Zeit entwickelt
und alles einbezieht, was seither im Zusammenhang mit diesem Leucht-Kaninchen
organisiert, gesagt und geschrieben wurde (Ausstellungen, Äußerungen
des Künstlers, Reaktionen von Kritikern und Publikum usw.). Eduardo
Kac, Wegbereiter dieses neuen Trends zwischen Kunst und Genetik, bringt
die Hauptaspekte dieser Biotech Art und auch die Probleme, die sie aufwirft,
auf den Punkt: das Lebende als Kreativ-Werkstoff, die Interaktion mit der
Wissenschaft, der Schatten der Biotech-Industrie, der unweigerlich über
dem Ganzen schwebt, und nicht zuletzt die ethischen Fragen im Hinblick
auf die Manipulation des Lebens.
Das Lebende als Werkstoff
Die Biokünstler interessieren sich jedoch nicht nur für Genetik
oder die DNA. ÑDie ersten sind in den 1980er Jahren aufgetaucht, und binnen
zehn Jahren hat dieser Ansatz ein beachtliches Ausmaß erreicht. Aber
unsere Arbeit ist sehr unterschiedlich. Heute werden alle, die den Körper
erforschen, neue Blumen züchten oder in ihren Werken organisches Material
verwenden, als Biokünstler betrachtetì, erklärt die slowenische
Kunstschaffende Polona Tratnik.
All diesen Arbeiten ist gemein, dass sie ausgehend vom lebenden Material
selbst ausgeführt werden und nicht über seine Repräsentation,
seine bildliche Darstellung oder digitale Simulation. Für Schweine
bestimmte Flügel, einzigartige Schmetterlinge, hybride Schwertlilien,
genetisch veränderte Bakterien oder tätowierte Hautkulturen sind
lauter Ñlebende Objekteì, die in der Regel wenig Aufsehen erregen. Aber
rund um diese Objekte entstehen Werke, die zahlreiche Elemente in sich
vereinen: Installation, philosophische Reflexion, Performance Art und
oftmals auch Provokation. Anstatt die Manipulation von Lebewesen
durch den Menschen zu verherrlichen oder in Bausch und Bogen abzulehnen,
regen die Künstler uns durch die Inszenierung dieser teils Ñmonströsenì
Produktionen dazu an, Wissenschaft und Technik zu hinterfragen und uns
auch mit der Zwiespältigkeit unserer eigenen Reaktionen auseinanderzusetzen.
Instrumente aus dem Labor
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Alle in diesem Artikel vorgestellten Künstler und andere
haben an der von Jens Hauser organisierten Ausstellung L'Art Biotech
' mitgewirkt, die im Frühling 2003 in Nantes (Frankreich) stattfand.
Eine Debatte zwischen Philosophen, Forschern, Künstlern und dem Publikum
bot die Gelegenheit, Fragen über Ñdiese Kunst, die lästig fällt,
die unsere Ängste und Widersprüche sichtbar machtì, zu erörtern.
www.lelieuunique.com
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Um auf diese Weise arbeiten zu können, müssen sie die Instrumente
und Methoden von Biologen benutzen und diese folglich zunächst kennenlernen.
Diese Zusammenarbeiten nehmen ganz unterschiedliche Formen an. Manche Künstler
machen sich zum ÑVersuchskaninchenì, wie das französische Duo Art
Orienté Objet (AOO), während andere, nach dem Beispiel der
Portugiesin Marta de Menezes, verschiedene Techniken einsetzen und sie
ihren eigenen Zwecken unterwerfen. An der Universität von Westaustralien
(Perth) hat die Gruppe Symbiotica ein Labor eingerichtet, dass den gleichen
Regeln unterliegt wie die benachbarten Forschungseinheiten was insbesondere
auch die Prüfung der Projekte durch einen Ethikausschuss der Hochschule
umfasst. Symbiotica beschäftigt sich mit der Reparatur des Körpers,
der Kultur von Organen oder der industriellen Aufzucht. Die Gruppe schafft
so genannte Ñhalb lebendeì Gebilde, indem sie an Ausstellungsorten echte
Minilabors für Zellkultur installiert. Ganz anders geht der Pflanzenzauberer
Georges Gessert vor, der geduldig und in aller Abgeschiedenheit tätig
ist: ÑIch arbeite so gut wie nie mit Forschern zusammen eigentlich
mit niemandem außer mit den Pflanzen.ì
Die Wissenschaftler, von den Ansinnen der Künstler zunächst
überrascht, erinnern sich oft gern an diese Erfahrung. ÑDie Zusammenarbeit
mit einem Künstler verbessert die wissenschaftlichen Kenntnisse der
Öffentlichkeit. Aber ich wüsste andererseits nicht, wie ich es
rechtfertigen sollte, meine Zeit und die mir gewährten Mittel ausschließlich
zu künstlerischen Zwecken zu verwendenì, bemerkt Ana Pombo vom Zentrum
für klinische Wissenschaften des Imperial College (London), die mit
Marta de Menezes gearbeitet hat.
Die Kunst demaskiert auf diese Weise die Wissenschaft, aber ihre Kreationen
lösen selbst etliche Kontroversen aus. ÑEs ist nicht einzusehen, warum
es Künstlern gestattet sein sollte, Experimente vorzunehmen, die den
Wissenschaftlern untersagt oder zumindest streng überwacht werdenì,
meint der Philosoph Yves Michaud (1). Diese leicht überspitzte
Formulierung schließlich unterliegen auch die Künstler
den geltenden Gesetzen und lassen die gleiche Vorsicht walten führt
zu einer oft gestellten Frage: Hat man das Recht, für nicht wissenschaftliche
Zwecke Lebewesen zu manipulieren? Auch sozioökonomische Überlegungen
kommen ins Spiel: Agieren diese Künstler womöglich insgeheim
als Sprachrohr der biotechnologischen Industrie? ÑWissenschaftler arbeiten
mit Lebewesen, Kinder spielen mit ihnen, Geschäftsleute kaufen und
verkaufen sie, wir essen sie und die Politiker entscheiden über das
Schicksal ganzer Gattungen. Warum sollten die Künstler nicht auch
mit dem Lebenden arbeiten?ì, erwidert Georges Gessert. Dennoch gibt Gessert
(der ausschließlich an Pflanzen arbeitet) unumwunden zu, dass gewisse
Manipulationen ethische Fragen aufwerfen. Was die angedeutete Beziehung
mit der Industrie betrifft, meint er: ÑWenn die Gefahr besteht, dass die
Industrie die Künstler für ihre Zwecke einspannt, dann sollte
man dieses Risiko auf sich nehmen. Die Alternative wäre ein erzwungenes
Schweigen, das lediglich den käuflichsten Wissenschaftlern und den
cleversten Geschäftsleuten zugute käme.ì
Alba, das eingangs erwähnte Leucht-Kaninchen von Eduardo Kac, wurde
ironischerweise sowohl als ÑAkt des Widerstandsì wie auch als ÑZusammenarbeit
mit der biotechnologischen Industrieì beschrieben. Vielleicht ist Alba
selbst ein Symbol des Zwiespalts?
(1) Arts et biotechnologies, im Katalog der Ausstellung
líArt biotech, le lieu unique, Nantes (FR), im März-April 2003.
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