Originally published in the catalogue of "Genesis", O.K. Center for Contemporary Art, Linz,
1999, pp. 45-48. Translated by Beate Großebner.


GENESIS

Eduardo Kac

"Genesis" (1998/99) ist ein transgenes Kunstwerk, das die komplizierte Beziehung zwischen Biologie, Glaubenssystemen, Informationstechnologie, dialogischer Interaktion, Ethik und dem Internet untersucht. Das Schlüsselelement der Arbeit ist ein "Künstler-Gen", das heißt, ein synthetisches Gen, das ich erfunden habe und das in der Natur nicht vorkommt. Dieses Gen wurde durch die Übertragung eines Satzes aus dem Ersten Buch Mose, der biblischen Schöpfungsgeschichte, in Morsealphabet und die Weiterübertragung des Morsealphabets nach einem besonders für diese Arbeit entwickelten Konversionsprinzip in DNS-Basenpaare geschaffen. Der Satz aus der Bibel lautet: "Machet Euch die Erde untertan und herrschet über die Fische im Meer und die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht." Die Auswahl dieses Satzes geht auf die Implikationen zurück, die dieser im Hinblick auf die zweifelhafte Vorstellung einer (gottgewollten) Vorherrschaft der Menschheit über die Natur hat. Das Morsealphabet wurde ausgewählt, weil es erstmals in der Radiotelegraphie eingesetzt wurde und damit am Anfang des Informationszeitalters stand - der Genesis der globalen Kommunikation.

Der Ausgangsprozeß in dieser Arbeit ist das Klonen des synthetischen Gens, aus dem Plasmide entstehen, welche dann in Bakterien umgewandelt werden. Durch das Gen entsteht ein neues Eiweißmolekül. Dabei werden zwei Bakterien eingesetzt: Bakterien, die ein Plasmid mit ECFP (Enhanced Cyan Fluorescent Protein, verstärktes zyanfarben fluoreszierendes Eiweiß) enthalten, und Bakterien mit einem Plasmid mit EYFP (Enhanced Cyan Fluorescent Protein, verstärktes gelb fluoreszierendes Eiweiß). ECFP und EYFP sind Mutationen des GFP (Green Fluorescent Protein, grün fluoreszierendes Eiweiß) mit veränderten Spektraleigenschaften. Die ECFP-Bakterien enthalten das synthetische Gen, die EYFP-Bakterien nicht. Diese fluoreszierenden Bakterien geben zyanfarbenes und gelbes Licht ab, wenn sie UV-Strahlung (302 nm) ausgesetzt sind. Mit zunehmender Zahl ergeben sich in den Plasmiden natürlich Mutationen. Kommen sie miteinander in Berührung, kommt es zum Plasmidaustausch und wir beginnen, Farbkombinationen zu sehen, die möglicherweise zu grünen Bakterien führen. Die transgene Verbindung von Bakterien entwickelt sich als Kombination von drei sichtbaren Szenarien: 1 - ECFP-Bakterien übertragen ihr Plasmid auf EYFP-Bakterien und umgekehrt, wodurch grüne Bakterien entstehen; 2 - es findet keine Übertragung statt (die einzelnen Farben bleiben erhalten); 3 - die Bakterien verlieren ihr Plasmid zur Gänze (verblassen, werden ockerfarben).

Der in "Genesis" verwendete Bakterienstamm heißt JM101. Normale Mutationen gibt es bei diesem Stamm in 1 von 106 Basenpaaren. Im Laufe des Mutationsprozesses wird die ursprünglich in den ECFP-Bakterien kodierte genaue Information verändert. Zur Mutation des synthetischen Gens kommt es aufgrund von drei Faktoren: 1) aufgrund des natürlichen Vermehrungsprozesses der Bakterien, 2) aufgrund der bakteriellen dialogischen Interaktion, 3) aufgrund der vom Menschen aktivierten UV-Strahlung. Die ausgewählten Bakterien können gefahrlos in der Öffentlichkeit verwendet werden und werden in der Galerie mit der UV-Lichtquelle in einem transparenten Schutzbehälter gezeigt.

Die Ausstellungssituation in der Galerie ermöglicht es Besuchern, die Entwicklung der Arbeit vor Ort oder über das Internet mitzuverfolgen. Ausgestellt werden eine Petrischale mit den Bakterien, eine flexible Mikrovideokamera, eine UV-Lichtbox und eine Mikroskopbeleuchtung. Die Kombination ist mit einem Videoprojektor und zwei vernetzten Computern verbunden. Ein Computer fungiert als Webserver (Streamer für Live-Video und Live-Audio) und führt die UV-Aktivierung auf Fernaufforderung durch. Der andere Computer dient als DNS-Musiksynthesizer. Die Videoprojektion vor Ort zeigt ein überlebensgroßes Bild der Bakterienteilung und -interaktion, wie sie mit der Mikrovideokamera gefilmt wird. Besucher, die sich über das Internet einklinken, beeinflussen den Prozeß, indem sie das UV-Licht einschalten. Das fluoreszierende Protein in den Bakterien reagiert auf das UV-Licht, indem es sichtbares Licht ausstrahlt (zyanfarben und gelb). Die Energieeinwirkung des UV-Lichtes auf die Bakterien stört die DNS-Sequenz im Plasmid und beschleunigt die Mutationsgeschwindigkeit. Auf den Wänden links und rechts befinden sich in großer Schrift direkt auf die Wand aufgetragene Texte: das Bibelzitat aus der Genesis (links) und das Genesis-Gen (rechts).

Im 19. Jahrhundert war der Vergleich, den Champollion anhand der drei Sprachen (Griechisch, demotische Schriftzeichen, Hieroglyphen) auf dem Stein von Rosette anstellte, der Schlüssel zum Verständnis der Vergangenheit. Heute ist das Dreiersystem von "Genesis" (menschliche Sprache, DNS-Code, binäre Logik) der Schlüssel zum Verständnis der Zukunft. "Genesis" untersucht die Vorstellung, daß biologische Prozesse heute geschrieben und programmiert werden können, und daß Daten auf eine Art gespeichert und verarbeitet werden, die an digitale Computer erinnert. Der Gedanke wird weiter verfolgt und am Ende der Ausstellung wird der veränderte Satz aus der Bibel dekodiert und wieder in normales Englisch übertragen, wodurch Einblicke in den Prozeß der transgenen interbakteriellen Kommunikation entstehen. Die Grenzen zwischen kohlenstoffbasiertem Leben und digitalen Daten werde so fragil wie Zellmembranen.

Die DNS-Synthesizer-Originalmusik zu "Genesis" stammt von dem Komponisten Peter Gena. Die Musik wird in der Galerie live generiert und ins Web eingespielt. Die Parameter dieser Mehrkanalkomposition werden durch die Bakterienvermehrung und die Mutationsalgorithmen geliefert.

"Genesis" wäre ohne das Fachwissen, die Unterstützung und die Großzügigkeit von Dr. Charles Strohm, Leiter der Abteilung für medizinische Genetik, Illinois Masonic Medical Center, nicht möglich gewesen.


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