Block, Friedrich W., Christiane Heibach, and Karen Wenz, eds. p0es1s: The Aesthetics of Digital Poetry. Ostfildern-Ruit, Germany: Hatje Cantz Verlag, 2004, pp. 244-249..

Biopoesie

Eduardo Kac
 

Seit den 1980er Jahren hat sich die Poesie deutlich von der gedruckten Seite entfernt. Von den frühen Tagen des Minitel bis zum Personal Computer als Schreib- und Leseumgebung sind wir Zeugen der Entwicklung neuer poetischer Sprachen geworden. Video, Holographie und das Web haben die Möglichkeiten und die Reichweite dieser neuen Poesie erweitert. Gegenwärtig, in einer Welt der Klone, Chimären und transgenen Organismen, ist es an der Zeit, sich über neue Richtungen einer Poesie ‚in vivo‘ Gedanken zu machen. Im Folgenden schlage ich vor, Biotechnologie und lebende Organismen als einen neuen Bereich sprachlichen, parasprachlichen und nicht-sprachlichen Schaffens in der Poesie zu nutzen.

 

1) Microbot performance: Schreiben und Performance per Mikroroboter in der Bienensprache, für ein Bienenpublikum, in einem halb funktionalen, halb fiktionalen Tanz.

 

2) Atomares Schreiben: Atome präzise positionieren und Moleküle erzeugen, um Worte zu buchstabieren. Diese molekularen Wörter in Pflanzen zum Ausdruck bringen und durch Mutation neue Wörter hervorwachsen lassen. Man beobachte und rieche die molekulare Grammatologie der so entstandenen Blumen.

 

3) Dialogische Interaktion mit Meeressäugetieren: Komponieren von Lauttexten durch Manipulation aufgezeichneter Tonhöhen- und Frequenzparameter der Delfin-Kommunikation, für ein Delfin-Publikum. Beobachten, wie ein Wal-Publikum darauf antwortet und umgekehrt.

 

4) Transgene Poesie: Synthetisieren von DNA entsprechend entwickelter Codes, um Wörter und Sätze mittels Kombinationen von Aminosäuren zu schreiben. Einfügen dieser Wörter und Sätze in die Genome lebender Organismen, die diese dann an ihre Nachkommen weitergeben, Kombinationen mit Wörtern anderer Organismen erzeugend. Durch die Mutation, den natürlichen Ausschuss und Austausch von DNA-Material entstehen neue Wörter und Sätze. Dieses Transpoem mittels DNA-Sequenzierung zurückübersetzen.




5. Telefanten-Infraakustik: Elefanten können sich mit gewaltigen Lauten eigener Art über bis zu acht Meilen Entfernung verständigen. Diese können von dafür empfänglichen Menschen als Luftdruckschwankungen wahrgenommen werden. Infraklangkompositionen schaffen, die Elefantenferngespräche fungieren, diese dann aus der Ferne an eine Gruppe von Waldelefanten übermitteln.




 

6) Schreiben von und mit Amöben: Per Hand in ein Medium wie Agar schreiben, indem man eine Amöbenkolonie als Schreibsubstanz benutzt. Beobachtung ihres Wachstums, ihrer Bewegung und Interaktion, bis der Text sich verändert und verschwindet. Beobachtung des Amöben-Schreibprozesses unter dem Mikroskop und zugleich im makroskopischen Bereich.

7) Leuchtzeichensprache: Glühwürmchen-Barden erzeugen, indem man die Gene, die die Bioluminiszenz kodieren, manipuliert und sie damit befähigt, ihr Licht für merkwürdige (kreative) Darstellungen zu verwenden – zusätzlich zum normalen, natürlichen Gebrauch (wie z. B. Raubtiere verjagen und Geschlechtspartner anziehen oder kleinere Wesen, um sie zu verschlingen).

8) Dynamische biochromatische Komposition: Die chromatische Sprache des Kalmars benutzen, um fantastische farbige Darstellungen zu erzeugen, die Ideen aus der Umwelt des Kalmars mitteilen, aber andere mögliche Erfahrungen anbieten.

9) Flugliteratur: Einem Afrikanischen Graupapagei nicht nur das Lesen und Sprechen und den Umgang mit Symbolen beibringen, sondern auch, literarische Stücke zu komponieren und aufzuführen.



10) Bakterielle Poesie: Zwei identische Kolonien von Bakterien befinden sich in einer Petrischale. Die eine Kolonie hat in einem Plasmid ein Gedicht X einkodiert, die andere ein Gedicht Y. Da sie um die gleichen Ressourcen streiten oder miteinander genetisches Material teilen, wird die eine Kolonie möglicherweise die andere überleben, vielleicht entstehen neue Bakterien durch horizontalen poetischen Gentransfer.

 

11) Xenographien: Transplantation eines lebenden Textes von einem Organismus in einen anderen und umgekehrt – um so ein lebendiges Tattoo zu erzeugen.

 

12) Gewebetext: Gewebe in Form von Wortstrukturen kultivieren, das Gewebe langsam wachsen lassen, bis die Wortstrukturen einen vollständigen Film bilden und sich damit von selbst auflösen.

 

13) Proteopoesie: einen Code erzeugen, der Wörter in Aminosäuren konvertiert; damit ein dreidimensionales Proteingedicht machen und so die Notwendigkeit umgehen, ein Gen für die Proteinkodierung zu verwenden. Das Protein direkt schreiben. Das Proteingedicht synthetisieren, in digitalen und nicht-digitalen Medien modellieren und in lebenden Organismen zum Ausdruck bringen.

 

14) Agroverbalien: Einen Elektronenstrahl benutzen, um verschiedene Wörter auf die Oberfläche von Pflanzensamen zu schreiben. Die Pflanzen wachsen lassen und beobachten, welche Wörter robuste Pflanzen hervorbringen. Samen in verschiedenen bedeutungsvollen Anordnungen pflanzen. Die Hybridisierung von Bedeutungen untersuchen.

 

15) Nanopoesie: Quantenpunkten und Nanosphären verschiedener Farben Bedeutung zuweisen. Diese in lebenden Zellen zum Ausdruck bringen. Beobachten, in welche Richtung sich Punkte und Sphären bewegen, und die Quanten- und Nanowörter lesen, während sie sich durch die innere dreidimensionale Struktur der Zelle bewegen. Lesen heißt Beobachten von vektorialen Trajektoren in der Zelle. Die Bedeutung ändert sich ständig, sobald bestimmte Quanten- und Nanowörter in der Nähe von anderen sind beziehungsweise sich auf sie zu oder weit von ihnen weg bewegen. Die komplette Zelle ist das Schreibsubstrat, ein Feld für potentielle Bedeutung.

 




16) Molekularsemantik: Molekularwörter herstellen, indem man einzelnen Atomen phonetische Bedeutung zuschreibt. Mit Dip-Pen-Nanolithographie Moleküle auf eine atomar-flache Goldoberfläche übertragen, um einen neuen Text zu schreiben. Dieser Text ist aus Molekülen gemacht, die selbst Wörter sind.

 

17) Asyntaktisches Karbogramm: Gehaltvolle sprachliche Nanoarchitekturen von nur wenigen Milliardsteln eines Meters in einem Diameter schaffen.

 

18. Metabolische Metaphern: Den Metabolismus eines Mikroorganismus innerhalb einer großen Population in dickem Medium so kontrollieren/steuern, dass ephemere Wörter in Reaktion mit bestimmten Umweltbedingungen (wie Lichteinfluss) produziert werden können. Diesen lebenden Wörtern gestatten, sich natürlich und dissipativ zu verändern. Die Dauer dieses dissipativen Prozesses sollte als intrinsisches Bedeutungselement des Gedichts gesteuert werden.

 



19. Haptisches Zuhören: Einen Mikrochip mit eigener Energieversorgung implantieren, der durch Kontakt (via Druck) ein Lautgedicht abspielt. Der Ton wird so schwach verstärkt, dass er nicht durch die Haut dringen kann. Der Zuhörer muss mit dem Dichter in körperlichen Kontakt treten, damit der Klang vom Mikrochip im Körper des Dichters in den Körper des Zuhörers gelangen kann. Der Zuhörer wird zum Medium der Klangübertragung. Das Gedicht dringt nicht über das Ohr in den Körper des Zuhörers, sondern von innen, über den Körper selbst.

 

20) Scripto-Genesis: Einen völlig neuen lebenden Organismus erzeugen, den es noch nie zuvor gab, indem man als erstes Atome zu Molekülen durch ‚Atomares Schreiben‘ oder ‚Molekularsemantik‘ zusammenfügt und dann diese Moleküle zu einem winzigen aber funktionierenden Chromosom anordnet. Einen Zellkern künstlich herstellen, der dieses Chromosom aufnehmen soll, oder es einem existierenden Zellkern implantieren. Das Gleiche anschließend mit der ganzen Zelle durchführen. Lektüre erfolgt dann durch Beobachtung der cytopoetischen Transformationen, die das scriptogenetische Chromosom den ganzen Prozess von Wachstum und Reproduktion des Einzellers hindurch erfährt.

 

Translation: Friedrich W. Block

The "robeet" (robotic bee) would allow a poet to write a performative dance-text that has no reference in the physical world (that is, does not send bees in search of food). Instead, the new
choreo-graphy (kinotation) would be (bee) its own reference.
The beginning of a new alphabet. Letters can be created with carbon nanotubes, tiny cylinders only a few billionths of a meter in diameter, as exemplified by this letter "T". Words created at this nanoscale can be made stable under the laws of quantum molecular dynamics. The first letter of the word "Tomorrow".
By assigning specific semantic values to aminoacids, a poet can write a protein. The "Genesis" protein, above, critically encodes the biblical statement: "Let man have dominion over the fish of the sea, and over the fowl of the air, and over every living thing that moves upon the earth."

Written in 2002. First published in: Cybertext Yearbook 2002-03, Edited by Markku Eskelinen & Raine Koskimaa, University of Jyvaskyla, Finland, 2003, pp. 184-185 (English). Republished in English and German in: Block, Friedrich W., Christiane Heibach, and Karen Wenz, eds. p0es1s: The Aesthetics of Digital Poetry. Ostfildern-Ruit, Germany: Hatje Cantz Verlag, 2004, pp. 244-249. Republished in Finnish in the literary journal Nuori Voima, N. 4/5, 2004, p. 27. Republished in Hebrew in Hearat Shulaym 8/9, Jerusalem, 2004, n.p.n. Republished in Estonian in the online journal Kirikiri <http://www.kirikiri.ee/print.php3?id_article=111>, December 2004. Republished in English in Notre Dame Review, N. 19, Winter 2005, pp. 145-148. Republished in English in Technoetic Arts, Vol. 3, N. 1, 2005, pp. 13-17. Republished in Finnish in <nokturno.org>, a website maintained by the poetry society Nihil Interit, the literary magazine Nuori Voima and the publishing house Savukeidas, October 2005. Republished in: Ascott, Roy (ed). Engineering nature: art and consciousness in the post-biological era (Bristol: Intellect, 2006). Republished in French in: Formules, N° 10, juin 2006, pp. 425-430, "Littérature Numérique et caetera", Paris.. Republished in Portuguese in: Revista de Comunicação e Linguagens, Centro de Estudos de Comunicação e Linguagens, Departamento de Ciências da Comunicação, Faculdade de Ciências Sociais e Humanas, Universidade Nova de Lisboa, Lisboa, Portugal, 2006. Republished in English and French in: Kac, Eduardo. Hodibis Potax (Édition Action Poétique, Ivry-sur-Seine, France and Kibla, Maribor, Slovenia: 2007). Republished in French in: Marchal, Hugues. La Poésie (Paris: Flammarion, 2007), pp. 102-105. Forthcoming in: Stephanie Glaser, ed. Festschrift Claus Clüver (Amsterdam: Rodopi, 2007). Forthcoming in Portuguese (Brazil) in: Antonio, Jorge Luiz e Artur Matuck, Artemídia e cultura digital (São Paulo: Musa Editora, 2007).

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